Kuratiert von Johannes Rauchenber, Astrid Kury und Hannes Galter  

 


 

 

 


 

 

Otto Kallscheuer,

geboren 1950 im Rheinland, Politikwissenschaftler und Philosoph, derzeit Professor an der Universität sassari, lebt in Sardinien und Berlin. Freier Autor u .a. für die FAZ, die NZZ, DIE ZEIT; Forschung und Lehre u. a. an der Freien Universität Berlin. Zahlreiche Buchveröffentlichungen u. a. „Zur Zukunft des Abendlandes“, Zu Klampen, Springe, 2009; Im Herbst erscheint "Ethik und die Zukunft des Politischen" im Wagenbach Verlag Berlin.

 

Otto Kallscheuer, Politikwissenschaftler und Philosoph, eröffnete die neue Reihe, die zentrale Debatten zum abendländischen Erbe in den Blick nimmt: Fest steht, dass sich Europäer viel eher über ihre Ängste verständigen können als auf eine gemeinsame Identität. Darüber vergessen sie leicht ihre Geschichte. Doch die Zukunft des Abendlandes ist älter als der Mauerfall vor 20 Jahren, älter auch als der Kalte Krieg.
Als die Osteuropäer nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen werden wollten, waren ihre westlichen Nachbarn nicht wirklich begeistert. Nachdem nun auch noch die Türken behaupten, sie gehörten mit dazu, suchen sogar Ungläubige nach Europas christlichen Wurzeln. Zudem hat Europas Wirtschaftsunion Gegenwind bekommen: von den asiatischen Tigerstaaten mit ihren imposanten Wachstumsraten. Ein souveränes Machtzentrum können die vereinigten europäischen Staaten bis heute nicht vorweisen. Kein Vergleich mit der transatlantischen Bruder- und Supermacht im Westen. Doch dies, so belegen Otto Kallscheuers Essays zu den kulturellen und religiösen Traditionen des Abendlandes, muss kein Standortnachteil sein. Pluralismus und Multilateralismus sind schließlich Tugenden, die wir im neuen Jahrtausend noch brauchen werden. Nicht nur in Europa.
 

 

 


 

 

Otto Kallscheuer
10 Thesen zur Zukunft Europas
[Ausschnitte aus:
Otto Kallscheuer, Zur Zukunft des Abendlandes,
zu Klampen Verlag, Springe 2009, gebunden, 160 Seiten]

 



1. Wiedervereinigung Europas?


Vor zwanzig Jahren habe auch ich auf der Mauer getanzt. Die kleine Firma, bei der ich arbeitete, der Berliner Rotbuch Verlag, hängte am 9. November „aus aktuellem Anlaß“ ein Pappschild an die Tür. Wir schlossen unsere Fabriketage an der Potsdamer Straße und gingen rüber zum Brandenburger Tor, um zu feiern. ‚Drüben‘ in der DDR waren wir natürlich auch vorher häufig gewesen (wir konnten ja einreisen). Schon um unsere Autoren aus der Dissidenten- und Literatenszene zu besuchen. Später stellte sich natürlich heraus, daß der allergrößte Zampano unter den kritischen Kritikern ein Stasi-Offizier war.
Über den ungarischen Riß im Eisernen Vorhang, über den Fall der Berliner Mauer, über die zwar unfreiwillige, aber (mit wenigen Ausnahmen) am Ende doch friedliche Entmachtung des Kommunismus in Osteuropa war die Freude noch allgemein. Während des Kalten Krieges hatten Ost- und Mittel- und Südosteuropäer jahrzehntelang von ihrer ‚Rückkehr nach Europa‘ geträumt. Als sie dann nach dem Zusammenbruch des Ostblocks jedoch in die Europäische Union aufgenommen werden wollten, waren die Völker im Westen schon deutlich weniger begeistert. Und dies hatte nicht nur ökonomische Gründe.
Denn nun führte der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums (und seiner Satelliten oder Varianten auf dem Balkan) zur Wiederbelebung von weitaus älteren nationalen, religiösen, kulturellen Bruchlinien. In Südosteuropa wurden in den neunziger Jahren blutige Volkskriege ausgefochten und ethnische Säuberungen durchgeführt – und das gerade erst mit dem Maastricht-Vertrag (1992/1993) entstandene politische (West)Europa war weder willens noch in der Lage, sie zu verhindern. Auf dieser Seite des Vorhangs hatte niemand damit gerechnet, daß die historischen Gegensätze zwischen lateinischer und orthodoxer Christenheit, zwischen christlichen und muslimischen Bevölkerungen auf dem Balkan, am Ende des XX. Jahrhunderts wieder von Bedeutung sein könnten.
 


2. Christenclub Europa?


Plötzlich behauptete auch die Türkei, sie gehöre in die Europäischen Union. (So jedenfalls erschien es den meisten Westeuropäern. In Wahrheit waren Ankara schon jahrzehntelang Beitrittsverhandlungen in Aussicht gestellt worden - aber niemand aus dem westlichen Club hatte dies offenbar ernst gemeint.) Angesichts der EU-Neuzugänge in Zentraleuropa und trotz einer wachsenden Anzahl muslimischer Einwanderer und Neubürger in West- und Nordeuropa (oder eben genau deswegen) löste nun die türkische Frage in Rom oder Paris oder Berlin oder Prag alte und neue Ängste aus. Weitaus weniger übrigens in London: Seit dem Ende des britischen Empire waren schließlich zahlreiche muslimische Commonwealth-Bürger, vor allem aus Britisch Indien oder Ostafrika, nach England gekommen.)
Zudem hatte sich der damalige Dekan des römischen Kardinalskollegiums Joseph Ratzinger in dieser Debatte über die kulturellen Grenzen Europas zu Wort gemeldet und (ausgerechnet in der französischen Presse!) eindeutig gegen die türkische Mitgliedschaft in der Europäischen Union Stellung bezogen. Für türkische Ohren kam damals Ratzingers Europa-Idee jener Vorstellung vom ‚Christenclub’ ziemlich nahe, die der Führer der gemäßigt islamistischen Gerechtigkeitspartei Tayyip Erdogan allen Türkei-skeptischen Europapolitikern des Westens unterstellte. Und ausgerechnet dieser kulturelle Lateineuropäer Ratzinger wurde dann im Frühjahr 2005 zum römischen Papst und Nachfolger Petri auserkoren.
Unter der Hand hatte sich die kulturgeschichtliche (ebenso integrierende wie differenzierende) Frage nach einer europäischen ‚Identität‘ in die Suche nach politischen Abgrenzungen verwandelt - Europa wird zum Ausschlußgrund. Nun besinnen sich sogar Ungläubige auf die christlichen Wurzeln Europas.
Beiderseits des Atlantik warnt seit dem 11. September 2001 ein neues Genre von Sachbüchern und Pamphleten seit dem 11. September 2001 vor dramatischen Entwicklungen in Alteuropa, als ‚dem schwächsten Glied der Kette des Westens‘: In drei, vier Jahrzehnten könnte sich der alte Kontinent, einst feste Burg der christlichen Zivilisation, in ein muslimisches „Eurabia“ verwandelt haben.
Bei seinem dritten historischen Ansturm auf das Herz der Christenheit finde nämlich „der Islam“ heute - anders als Anno Domini 732 bei Poitiers und dann 1683 vor Wien – keine westlichen Verteidiger mehr. Diesmal seien die Waffen der muslimischen Conquista freilich andere als jene, wider die Karl Martell bei Poitiers oder Jan Sobieski in der Schlacht am Kahlenberg vor Wien das Banner der Christenheit verteidigten. Heute und morgen bedrohe uns christlich-säkulare Europäer nicht nur der islamistische Terrorismus, sondern die Hingabe an Gott (denn nichts anderes heißt: Islam).



3. Rückkehr der Geschichte?


Das Jalta-System - der durch das atomare Gleichgewicht des Schreckens befestigte Ost-West-Gegensatz von Kommunismus und Freier Welt - schien in der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts sämtliche älteren Konflikte ausgelöscht oder doch in ihrer politischen Bedeutung verschluckt zu haben, an denen sich zuvor in zwei Jahrtausenden Europas kulturelle Identität formiert hatte. Zu diesem ‚Ende der Geschichte‘ hatte nicht nur die totalitäre ‚Geschichtspolitik‘ des sowjetischen Kommunismus beigetragen, sondern auch das freiheitlich ‚anti-historistische‘ Selbstbewußtsein Amerikas - in den Worten G.W.F. Hegels „ein Land der Sehnsucht für alle, welche die historische Rüstkammer des alten Europa langweilt“.
Amerikas Selbstbild als „Land der Zukunft“ hat bereits eine über zweihundertjährige Geschichte. Die nordamerikanischen Freistaaten verstanden und konstituierten sich schließlich Ende des XVII. Jahrhunderts als Gegenmodell zur europäischen Kriegs- und Staatenordnung des Absolutismus, als bürgerliche Gesellschaft ohne „Bedürfnis eines organischen Staats“ (Hegel). Im Jahrhundert zuvor war ein Großteil der neuenglischen Siedler wegen ihres religiösen Dissenses aus der alten Welt der konfessionellen Staaten und Kriege Europas ausgewandert: Sie sie wollten in der Neuen Welt die „City on the Hill“ errichten, das Neue Jerusalem.
Die Alte Welt des Abendlandes hingegen, die Vorgeschichte des sich politisch einenden und darüber streitenden Europa, bildete und gliederte sich durch kulturelle Brüche, welche in der Regelauch religiös oder ‚theologisch-politisch‘ codiert waren. Um vier davon geht es in meinem Buch. Genauer um zwei west-östliche Brechungen: Griechen versus Barbaren, ein Selbstbild, welches später auch das römische Imperium übernommen hatte (das ja kulturell mindestens ebenso griechisch wie römisch war); oströmische orthodoxe Christenheit versus weströmischen Katholizismus – und um zwei nord-südliche Bruchlinien: Islam versus Christenheit; Katholizismus versus Protestantismus und reformierte Kirchen.
 


4. Volk oder Union?


Gibt es denn auch mögliche positive historische Anhaltspunkte, welche eine gemeinsame, von allen Mitgliedsstaaten geteilte Identität eines europäischen Staatswesens rechtfertigen könnten und zugleich verfassungspolitisch anschlußfähig sind? Wenn es sie denn gibt, so könnten sie wohl kaum aus der demokratischen Tradition der souveränen Machtbegründung und –ausübung eines einheitlichen Demos oder Staatsvolks kommen (ganz zu schweigen von der monarchischen Traditionslinie des souveränen pouvoir absolu). In historischen Traditionen begrenzter und geteilter Macht werden freilich zukunftsfähige Europavorstellungen gar nicht erst gesucht. Denn diese haben zumeist keine demokratischen Weihen. Und das künftige, das verfassungspatriotische Europa könne, folgt man Jürgen Habermas, „nur auf dem Rücken demokratischer Prozesse“ entstehen – oder es entstehe gar nicht.
Die Herausbildung einer europäischen Bürgeridentität denkt sich Habermas dabei offenkundig nach dem Modell des politischen Demos einer republikanischen Nation, nicht des kulturellen Ethnos: Wie die „Nation der Staatsbürger nicht mit einer vorpolitischen Schicksalsgemeinschaft verwechselt werden darf, die durch gemeinsame Herkunft, Sprache und Geschichte geprägt ist“, so werde auch der europäische Demos als abstrakte, rechtsvermittelte Willensgemeinschaft erst in den demokratischen Verfahren europäischer Willensbildung entstehen. (Und umgekehrt setzen diese Verfahren die Existenz eines europäischen Staatsvolks bereits voraus, sie rechnen normativ mit ihm.) Sollte aber die beste Methode, den komplizierten Prozeß der europäischen Einigung mit seinen diversen Motiven und Antriebsfedern (und möglichen wiederholten Rückschlägen) zu konzipieren, tatsächlich in Analogie zum republikanischen Idealtyp der einheitlichen Nation gesucht werden?
Ein historisches Exempel für eine auf geteilter Souveränität beruhende politische und rechtlich gehegte Machtordnung wird dabei in der Regel vergessen oder (mehr oder weniger bewußt) verdrängt. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war zwar weder heilig noch römisch noch imperial – und vor allem war es kein einheitlicher Staat, eher ein kompliziertes „politisches System“ (Volker Press). Geographisch war das Reich weit ausgedehnt, es verstand sich als ein Gebilde ‚von deutscher Nation‘, war jedoch kein Ausdruck eines Staatsvolkes. Ohne klar zugeordnete Souveränitätsrechte bildete dieses gewissermaßen vorstaatlich föderierte Alte Reich natürlich ein staatsrechtliches Paradox - sowohl gemessen am absolutistischen Ideal des pouvoir absolu als auch verglichen mit dem demokratischen Modell des souveränen pouvoir constituant.
Das Ausmaß an gemeinsamer, alle Gliedstaaten übergreifenden Staatlichkeit blieb gering – doch sein zeremonialer Aufwand war hoch (Barbara Stollberg-Rilinger). Neben Kaisertum und Kurfürstenkollegium als den zentralen ‚Verfassungsorganen‘ tritt in der frühen Neuzeit der ständisch in sich abgestufte Reichstag als ‚verdichtete‘ Institution der Repräsentation und Konfliktregelung. Dazu traten je nach Bedarf oder Konflikt verschiedenste, zuweilen kurzlebige Abkommen von einander teils überlappenden, zuweilen konterkarierenden ‚Einungen‘ und Bünden, zwischen gleichen und später auch verschiedenen Ständen (Peter Moraw).
Samuel Pufendorf hatte bekanntlich 1667 das aus ‚Gliedstaaten ungleichen Rechts‘ gebildete unregelmäßige ‚gemischte System‘ des Alten Reiches als ein Monstrum charakterisiert, als irregulare aliquod corpus et monstro simile - während 1748 Baron Montesquieu in seinem Buch über den Geist der Gesetze die Verfassung des Reiches als eine der drei Republiques fédératives kennzeichnete (neben der Schweiz und den Niederlanden): „eine Verfassungsart, die alle inneren Vorzüge einer republikanischen Regierung mit der äußeren Macht einer Monarchie vereinte“ (De l‘Esprit des Lois, V.1). Am Lebensende des Alten Reiches stand dann bekanntlich das berühmte Todesurteil des jungen Hegel, in seiner um die Jahrhundertwende entstandenen Skizze zu einer Verfassungsschrift: „Deutschland ist kein Staat mehr“.
Genau dies, ein souveräner Staat, war freilich das Alte Reich nie gewesen. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation war ein institutionell schwaches, doch symbolisch hoch aufgelades, ja zeremoniell hochkompliziertes und vielfach hierarchisch strukturiertes Gebilde - ein nach innen ständisch-korporativer verfaßter und nach außen strukturell defensiver Verband. Sein politisches System beruhte auf einer immer wieder prekär werdenden Tradition, der zur Institution geronnenen Routine von Mehrebenen-governance zwischen heterogenen Herrschaftssubjekten. Die diversen Landfrieden, Einungen und Bünde, die einander teils überkreuzenden (etwa konfessionellen), teils ausbalancierenden Loyalitäten teutscher Länder und Fürstentümer, welche die Reichskonstruktion nach dem Westfälischen Frieden bis ins XVIII. Jahrhundert erhielten, höhlten das Reich zugleich - als Subjekt eines „gemeinsamen Willens“ (G.W.F. Hegel) - aus.



5. Föderalismus und Pluralismus


Zu Beginn des XIX. Jahrhunderts – gegenüber der „Zentralisation aller Kräfte“ in der revolutionären französischen Nation und im Vergleich zum in Europa siegreichen napoleonischen „Militärdespotismus“ (Leopold von Ranke) - mußte die im Alten Reich geteilte und verteilte Souveränität als ordnungspolitischer Nachteil erscheinen. Heute allerdings, zu Beginn des XXI. Jahrhunderts, könnte diese Tradition der Republiques fédératives (zu der Montesquieu noch die Schweizer Eidgenossenschaft und die Vereinten Provinzen der Niederlande rechnete) durchaus zukunftsweisend sein.
Daß der föderale Europagedanke zum Milieu der antifaschistischen Emigration im französischen, später amerikanischen Exil, von liberalen Sozialisten bis hin zu katholischen Antifaschisten (wie Don Luigi Sturzo und Jacques Maritain) gehörte, kann nicht verwundern. Charakteristischerweise war es ja dasselbe intellektuelle Milieu, aus dem auch die ersten Formulierungen einer Totalitarismustheorie stammten. Diese knüpfte ja zunächst an die sei es liberale, sei es katholische Kritik von Benito Mussolinis und Giovanni Gentiles Leitidee des „totalen Staates“ an, der mit der Übernahme auch des weltanschaulichen Definitionsmonopols sämtliche Teilungen von Gewalten und Gründen beseitigen sollte.
Versuchte man eine - verfassungspatriotisch anschlußfähige - plausible europäische Gegentradition zu definieren, so bestünde diese in der Föderation getrennter Gewalten. Wie der bedeutende Rechtshistoriker Paolo Prodi gezeigt hat, war es nicht zuletzt der Pluralismus der Recht setzenden und aushandelnden Gewalten, welcher die kulturelle und staatliche Formenvielfalt Alteuropas ermöglichte und über Jahrhunderte gesichert hat.
Historisch wurzelt die Grundform dieses Pluralismus in einer institutionellen Unterscheidung: der Trennung zwischen Imperium und Sacerdotium, zeitweilig im Antagonismus von Kirche und Staat. Seit der ‚Papstrevolution‘ des XI. Jahrhunderts, seit dem ‚Investiturstreit‘, den Papst Gregor VII. und seine Nachfolger mit den christlichen Kaisern ausfochten, hatte dieser Konflikt die normative Dynamik des Abendlandes vorangetrieben. Beide Institutionen, Kaisertum und Papsttum, sind hierarchisch, beide wissen sich auf Gottes Weltordnung gegründet, und beide versuchen sich am mono- oder theokratischen Unterfangen, die Gesamtheit der normativen Macht in der Gesellschaft an sich zu reißen. - Aber keine trägt den Sieg davon.
Und so garantierte erst beider Scheitern die Entstehung des westlichen Pluralismus der Rechte und Institutionen. Erst in diesem mehrere Jahrhunderte währenden Konflikt entwickelten nämlich beide Gewalten, Kaiser und Papst, eine je eigene Legitimität, eigene Rationalitätsmuster, es kommt zur Ausdifferenzierung von säkularen und geistlichen Institutionen. Und da beide Institutionen im römischen Recht wurzelten, war ihr Konflikt rationalisierbar.



6. Läßt sich Souveränität teilen?


Eine europäische Einung in staatlich geteilter Souveränität wird also keine neue Super-Souveränität hervorbringen. Denn geteilte Souveränität braucht kein einheitliches Staatsvolk, sondern eher einen einvernehmlich geregelten Aushandlungsprozeß, an dem sich Akteure aus den verschiedenen demoi beteiligen können, ohne (kulturelle oder politische) ihre Identität aufgeben zu müssen. So unterwerfen sich heute die Bürger den Reglements und Entscheidungen der Europäischen Union zumeist bereitwillig – und bezeugen damit eine hohe ‚zivile‘ oder ‚konstitutionellen Toleranz‘ (nach den Worten des amerikanischen Europakenners und Verfassungsjuristen Joseph Weiler): Sie befolgen schließlich Gesetze und Regelungen, die nicht vom ‚eigenen‘ Volk beschlossen wurden, sondern von einer aus unterschiedlichen Völkern zusammengesetzten Gemeinschaft, gewissermaßen einem Volk von ‚anderen‘.
Was unterscheidet dieses zusammengesetztes ‚Bundesvolk‘ vom Demos der republikanischen Nation? „In einem Bund“ – heißt es in Carl Schmitts Verfassungslehre (1928) – bestünden „zwei Arten politischer Existenz nebeneinander: die Gesamtexistenz des Bundes und die Einzelexistenz des Bundesmitglieds“. Für den politischen Existentialisten Schmitt machte natürlich dieser „Dualismus der politischen Existenz“, die Verdoppelung der öffentlichen Gewalt und ihrer Legitimitätsquellen zwischen Bundesvolk und Einzel-Demoi, solch eine Föderation instabil und auf Dauer unmöglich: schließlich durch diesen Dualismus die ‚politisch existentielle‘ Identität zwischen Staatsvolk und staatlicher Souveränität preisgegeben.
Aber die auf Jean Bodin und Thomas Hobbes zurückgehende monokratische Auffassung der staatlichen Souveränität als einheitlicher und unteilbarer (sowie schrankenloser) Entscheidungsgewalt entspricht der innen- wie außenpolitischen Wirklichkeit von heute nicht mehr vollständig. Längst ist die nationale Souveränität für viele Dimensionen staatlichen Handelns durch komplizierte (und tatsächlich zuweilen schwer regierbare) transnationale Verflechtungen eingeschränkt oder überlagert worden. Dies geschah, ohne daß diese Transformationen den Nationalstaat hätten ‚absterben‘ oder überflüssig werden lassen.
Die Suche nach Einheitlichkeit und Eindeutigkeit des europäischen Staatsvolkes ist also keineswegs der Königsweg zur Beseitigung des (alle Wahljahre wieder beklagten) ‚Demokratiedefizits‘ der Europäischen Union. Sie könnte sich vielmehr als eine gefährliche Sackgasse erweisen. An ihrem Ende warten bereits nationaldemokratischen Demagogen.
 


7. Europa und der Westen


Wie steht es also künftig um das Verhältnis zwischen dem politischen Code des Westens und dem historischen, kulturellen oder theologisch-politischen Gedächtnis des Abendlands? - Elementary: Der Westen ist abendländisch entstanden; das europäische Abendland bildet die kulturelle Matrix des politischen Westens, der sich inzwischen normativ universalisiert und geographisch den Atlantik überquert hat. Die U.S.A. sind also der Westen, welcher das Abendland verlassen hat – ohne dessen Eingriff in den Zweiten Weltkrieg das Abendland jedoch vermutlich nicht überlebt hätte.
Die Tradition des Abendlands ist zwar eine institutionell pluralistische (Regnum versus Sacerdotium, forum internum versus ius publicum, Marktfreiheit versus Landesherrschaft, usw.) - ein Pluralismus, der häufig übrigens wider den integristischen Willen der Beteiligten zustandekam. Aber sein kulturelles Gedächtnis bleibt bis ins XX. Jahrhundert hinein antidemokratisch verfaßt. Der spezifisch abendländische Pluralismus wird jedoch künftig ohne die institutionellen Minimalbedingungen politischer Freiheit, wie sie in den liberalen Demokratien westlicher Machart institutionalisiert sind, kaum überlebensfähig sein.
Und nun die kompliziertere Frage: Gilt das auch umgekehrt? Ist auch der Westen auf eine politische Verkörperung des Abendlandes angewiesen? Und was wäre denn Europa, wenn es kein christlicher Club sein will? Welche Art von Staatswesen? Über ein souveränes Machtzentrum verfügen ja die in der EU vereinigten europäischen Staaten bis heute nicht. Und die Wunder: die Reiche und Nationen, aus denen das heutige Europa hervorging, waren ja in ihrer Geschichte meist gegeneinander aufgestellt.
Wenn wir nun die Europäische Union als legitime Tocher des Abendlandes ansehen (und ich habe hier versucht, diese Sicht zu begründen), dann spricht vieles dafür, daß der freie Westen auch das Gedeihen des politischen Europa braucht. Man kann dafür Gründe der internationalen Machtbalance anführen: die alteuropäischen Nationalstaaten brauchen einen Entscheidungs-Pool, um sich nicht allein gegenüber derverbündeten Großmacht U.S.A., sondern in der multipolaren Welt überhaupt behaupten zu können. Und es gibt ordnungspolitische Motive, welche die politische Kommunikation zwischen den Kulturen oder Zivilisationen betreffen: denn die alteuropäische Staatenwelt unterhält schon als Erbe ihrer Kolonialgeschichte differenziertere, sensiblere und darum zuweilen auch störanfälligere Beziehungen zu ihrer geographischen und kulturellen Umwelt im Süden und Osten als die westliche Vormacht Amerika.
 


8. Blick zurück: Die Ziehkraft Europas beim Untergang des Kommunismus …


Beim Ende des Kalten Krieges spielten zwei Faktoren (mal abgesehen von Gorbatschows Verzicht auf Gewaltanwendung) eine entscheidende Rolle: Faktor „N“ (wie Nation, Nationalismus, nationale Frage) und Faktor „E“ (wie Europa, europäische Einigung) wirkten beim Ende des europäischen Kommunismus in nicht immer konfliktfreier, doch insgesamt einander verstärkender Weise zusammen. Der sowjetisch dominierte Ostblock litt zwar am ökonomischen Scheitern des wissenschaftlichen Kommunismus und an der Freiheitsfeindlichkeit der Parteidiktatur; für seinen Zusammenbruch entscheidend aber war die nationale Frage. Die Diktatur der mitteleuropäischen Satellitenregime wurde in Polen, Ungarn, der CSSR usw. zunehmend als russisch-imperiale Fremdherrschaft erlebt – und es war Faktor „E“, die Perspektive einer künftigen Gemeinschaft mit dem westeuropäischen politischen und Wirtschaftsraum, die diesen nationalen Unabhängigkeitsbewegungen eine plausible Alternative wies. Dies erklärt ja auch den politischen Erfolg der kulturell keineswegs unzweideutigen „Mitteleuropa“-Rhetorik.

9. … und bei der deutschen Wiedervereinigung
Dass es bei der deutschen Wiedervereinigung um die nationale Frage ging, liegt auf der Hand. Aber auch hier war der europäische Kontext entscheidend: die Einbindung Deutschland in den Prozess der europäischen Einigung war (und bleibt) für Deutschlands Nachbarländer die Voraussetzung dafür, die deutsche Wiedervereinigung nicht als bedrohliche Entwicklung zu empfinden.
Im Zweiten Weltkrieg und in den liberal-sozialistischen und katholischen Kreisen des antifaschistischen Widerstands wurden die Perspektiven einerseits der nationalen Befreiung und andererseits des europäischem Föderalismus zumeist als einander ausschließende Alternativen diskutiert. Diese Alternative findet aber im Fall der deutschen Wiedervereinigung keine Anwendung: Der neue deutsche Nationalstaat, entstanden aus dem Zusammenschluss der alten BRD und der DDR, verwirklicht seine staatliche Einheit nur im Kontext der europäischen Einigung. Es liegt in seinem explizit erklärten, aber auch faktisch leicht einsichtigen nationalen Eigeninteresse, dass der Weg zu einer europäischen politischen Union weitere Fortschritte macht.
Technisch gesehen war der ‚Anschluß‘ der DDR an den europäischen Wirtschaftsraum i.J. 1990 Konsequenz der deutsch-deutschen Währungsunion. Politisch beförderte er die Ausweitung der Demokratie. Noch heute stellen die Beitrittsbedingungen zur Europäischen Gemeinschaft – bzw. jetzt Europäischen Union – die bisher erfolgreichste europäische policy zur Ausbreitung und Stärkung von liberal-demokratischen Institutionen in den östlichen und südlichen Nachbarländern der EU dar. Eine Union ganz in jenem Sinne, wie es Hannah Arendt in einem Brief an Karl Jaspers am 9. Juni 1961, also fast auf den Tag einen Monat vor dem Bau der Mauer, fast seherisch formuliert hatte: „Die einzige Hoffnung bleibt doch eine Föderation Europa, ganz gleich, wie klein dieses Europa erst einmal ist, eine federation for increase, wie es James Harrington so schön genannt hat, an die sich andere dann später gleichberechtigt anschließen können.“ 28 Jahre später sollte sich diese Vorhersage erfüllen.



10. Fazit


Die politische Zukunft des Abendlandes liegt also vermutlich im komplexen (und nur in Grenzen rationalisierbaren) ‚Monstrum‘ der Europäischen Union von Staaten und Bürgern. Anderfalls hätte das Abendland nur eine Zukunft: seine (erinnerte) Geschichte.

© Otto Kallscheuer